Räumliches Sehen




Im Grunde genommen entsteht das räumliche Sehen dadurch dass wir mit beiden Augen ein Objekt aus zwei leicht verschiedenen Richtungen, also aus leicht unterschiedlicher Perspektive, sehen, wie in Bild 1 links dargestellt.
Man kann es sich leicht vergegenwärtigen wenn man eine Hand nicht weit vor das Gesicht hält und abwechselnd mit dem einen und dem anderen Auge die Hand und den Hintergrund betrachtet. Für beide Augen besteht ein unterschiedliches Bild. Der gleiche Effekt besteht auch bei einem entfernteren räumlichen Objekt, nur ist der Unterschied der Bilder für beide Augen viel geringer. Auch für die Hand selbst besteht für beide Augen eine unterschiedliche Perspektive, nur das auch hier der Unterschied viel geringer ist.
Man kann es sich auch vergegenwärtigen wenn man ein Objekt aus zwei verschiedenen Richtungen betrachtet, oder eventuell ein Foto aus zwei verschiedenen Richtungen macht. Nur dass eben auch hier der Unterschied für beide Augen wesentlich geringer ist da der Abstand zwischen beiden Augen gering ist.
Durch diese unterschiedlichen Bilder beider Augen, also eine unterschiedliche Perspektive, entsteht in unserem Kopf der Eindruck räumlichen Sehens.

Bei einem ebenen Bild besteht kein solcher Unterschied in der Perspektive, es ist das gleiche Bild, wenngleich wir das Bild mit beiden Augen aus leicht unterschiedlichen Richtungen sehen.






Bild 1



Räumliches Sehen im Spiegel
 
Den Effekt der unterschiedlichen Perspektive haben wir auch im Spiegel, wie im Bild 1 rechts dargestellt. Die Lichtstrahlen eines Bildpunktes werden für beide Augen an zwei verschiedenen Punkten des Spiegels reflektiert.
Erst am realen Punkt eines Körpers bzw. in der gedachten Verlängerung hinter dem Spiegel treffen sich die Lichtstrahlen eines realen Punktes auch tatsächlich in einem Punkt. Beide Augen erhalten von der Spiegeloberfläche ein leicht unterschiedliches Bild, also eine unterschiedliche Perspektive.
Man kann es sich wieder vergegenwärtigen wenn man sich vor einen Spiegel stellt und man abwechselnd ein Auge schließt. Wenn man auch den Hintergrund beobachtet so sieht man sofort dass beide Augen ein unterschiedliches Bild erhalten, umso näher man zum Spiegel steht umso deutlicher wird der Unterschied. Auch für das eigene Gesicht besteht eine unterschiedliche Perspektive für beide Augen, nur dass der Unterschied eben sehr viel geringer ist.
Die unterschiedliche Perspektive für beide Augen bleibt also auch im Spiegel erhalten. Wir sehen daher im Spiegel ein räumliches Bild wie an realen Objekten auch. Das Spiegelbild unterscheidet sich daher grundsätzlich von einem normalen zweidimensionalen ebenen Bild.


Hinzu kommt dass sich dass Spiegelbild ändert je nachdem aus welcher Richtung man in den Spiegel sieht, es verhält sich so als ob man durch den Spiegel, wie durch ein Fenster, in einen anderen Raum sieht. Weiters sind natürlich Farbe und Farbschattierungen mit der Realität praktisch identisch, ebenso wie man auch feines Details sieht, wie in der Realität eben auch.
Diese Eigenschaften, des sich je nach Blickrichtung ändernden Bildes und der genauen Übereinstimmung in Farbe und Detail mit der Realität, sind zwar nicht die Ursache des räumlichen Sehens im Spiegel, sie verstärken aber den Eindruck des räumlichen Sehens.

Räumliches Sehen an einzelnen Objekten

Den Unterschied zwischen räumlichen und nicht räumlichen Sehen kann man sich gut vergegenwärtigen, wenn man mit nur einem Auge ein etwas stärker strukturiertes Objekt betrachtet.
Bei einem einfachen Objekt, wie einem Sessel oder Tisch, sieht man keinen großen Unterschied ob man es mit einem Auge ansieht oder mit beiden. Allenfalls sieht man das Objekt mit nur einem Auge etwas unscharf was darauf hinweist dass möglicherweise durch das Sehen mit beiden Augen auch eine Schärfekorrektur erfolgt.
Wenn man dagegen etwa das Geäst eines Baumes oder etwa eine Zimmerpflanze auf einem Fensterbrett betrachtet, so sieht man sofort den Unterschied ob man diese Objekte nur mir einem Auge ansieht oder mit beiden Augen. Mit beiden Augen sieht man die Objekte räumlich, mit einem Auge nicht. Bei Objekten die weit entfernt sind, etwa in einer Landschaft, wird der Unterschied wieder geringer, da bei weit entfernten Objekten in der Perspektive kaum mehr ein Unterschied besteht. Bei weit entfernten Objekten sieht man daher auch mit beiden Augen nicht mehr räumlich. Außerdem ist bei weit entfernten Objekten kaum Detail und farbliche Schattierung zu sehen.

Bei weit entfernten Objekten z.B. Berge kann man sich auch in der Entfernung sehr täuschen, sie erscheinen uns oft näher als sie tatsächlich sind. Dass bei weit entfernten Objekten praktisch kein räumliches Sehen mehr besteht erschwert also auch sehr das Abschätzen von Entfernungen.

Räumlicher Eindruck bei ebenen Bildern

Bei einem rein zweidimensionalen Bild hat man umso eher den Eindruck eines räumlichen Bildes umso mehr Detail und umso mehr feinere Farbschattierungen man sieht. Bei einem größeren Bild bei dem man feinere Unterschiede sieht, hat man wesentlich eher den Eindruck eines räumlichen Bildes. Es hängt aber auch von der Beleuchtung ab. Wenn man ein Foto im Sonnenlicht betrachtet so sieht man auch hier feinere Unterschiede und man gewinnt eher bis zu einem gewissen Grad einen räumlichen Eindruck.

Es hängt aber auch von der geometrischen Struktur des Bildes ab. Wenn etwas von vorne nach hinten verläuft, etwa eine Straße, so kann man bei entsprechender Bildqualität durchaus einen räumlichen Eindruck gewinnen, dagegen ist das beim Geäst eines Baumes überhaupt nicht der Fall.




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Bild 2

Wenn man Bild 2 bei entsprechender Vergrößerung (etwa ganzer Bildschirm) ansieht, so hat man beim schneebedeckten Boden durch den Wechsel von Licht und Schatten in der Morgensonne ganz gut einen räumlichen Eindruck. Beim Geäst des kleinen Baumes rechts hat man bei dieser guten Beleuchtung immerhin noch eine gewisse Vorstellung von Vorne und Hinten. Beim Gewirr der Äste in Bildmitte ist davon nichts mehr zu erkennen.
Man sieht an diesem Bild recht gut welchen Einfluss gute Beleuchtung (hier Morgensonne) und die Art des Objektes darauf haben ob man bei einem ebenen Bild noch bis zu einem gewissen Grad einen räumlichen Eindruck haben kann.

Auch wenn man zwei Bildschirme, recht unterschiedlicher Größe nebeneinander betrachtet, so hat man auch beim größeren Bild wesentlich eher den Eindruck eines räumlichen Bildes, insbesondere dann wenn beim größeren Bildschirm noch feinere Farbschattierungen und feineres Detail erkennbar ist.
Auch ein Film, also Bewegung im Bild, trägt dazu bei dass man eher einen räumlichen Eindruck gewinnt.

Dass man übrigens mitunter bestimmten Fotoapparaten ein räumliches Bild zuordnet begründet sich wohl aus lang zurück liegender Zeit wo gute Optik sehr teuer war und durchschnittliche Optik noch von einer sehr durchschnittlichen Qualität. Hier war dann richtig ein deutlicher Unterschied zu sehen und man hatte bei teurer Optik eher den Eindruck eines räumlichen Bildes. Mit heutigen Herstellungsmöglichkeiten ist auch durchschnittliche Optik recht gut und selbst sehr gute Optik ist nicht so extrem teuer. Die Unterschiede sind daher bei weitem nicht mehr so groß und heute bestimmten Fotoapparaten ein räumliches Bild zuordnen zu wollen ist ganz einfach ein Mythos.

Schlusssatz

Die eigentliche Ursache räumlichen Sehens liegt in der unterschiedlichen Perspektive beider Augen.
Diese unterschiedliche Perspektive bleibt auch in einem Spiegel erhalten.
Allerdings kann durch Sichtbarkeit feineren Details und feinerer Farbschattierungen auch bei einem normalen zweidimensionalen Bild bis zu einem gewissen Grad der Eindruck räumlichen Sehens entstehen.
Bei weit entfernten Objekten besteht praktisch kein räumliches Sehen mehr.


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5.12.2017               aktualisiert:    20.8.2021

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